Dunkel sind die Tage im Winter, naßkalt und grau. Ein Wetter, das sich nicht entscheiden kann: einmal bitterkalt mit vereisten Scheiben, dann wieder warm, so daß man meint, der Frühling wäre schon da. Besonders an solchen Tagen jucken mir die Kolben. Dann will ich endlich wieder raus aus meiner Garage, will endlich wieder Fahrtwind schnuppern. Aber nein, ich muß ja ein Saisonkennzeichen haben! Jedesmal im Herbst dasselbe:
Es ist schöne, die Sonne hat noch Kraft, die Farben leuchten, und es ist noch nicht einmal kalt. Auf einmal kommt dieser verflixte 31. Oktober – ganz leise, ganz unbemerkt schleicht er sich heran und beendet schlagartig wieder eine wunderschöne Oldtimersaison. Und dann kommt er, mein Fahrer, mit einer Träne im Auge und streicht mir über meine Kotflügel. "Es ist wieder soweit, Sporti, Winterschlaf ...!"
Ich kann es nicht mehr hören. Und dann folgt wie jeden Herbst das selbe Ritual. Die letzte Fahrt führt zur Tankstelle. Hier werden meine Reifen vollgepumpt, daß sie bald platzen. Habt Ihr schon einmal zuviel Luft in Euch gehabt, ohne sie herauslassen zu können? Dann wißt Ihr ja, wie ich mich fühle. Ich bin doch kein Luftschiff ... Und wie eine Weihnachtsgans, so werde ich abgefüllt – mit Sprit, bis er fast überläuft. Und als ob sich mein Fahrer entschuldigen wollte, rubbelt er mir über die ganze Karosse, und entfernt jedes kleine Stäubchen. Das kann er ruhig machen, da halte ich still. Oje, jetzt kommen wieder diese beiden Wolldekken – die eine vorne, die andere hinten. Und so stehe ich jetzt hier im dunkeln, bekomme vor lauter Langeweile einen Kolbenklemmer oder was anderes schlimmes. ""Ist doch nur bis zum 1. April, dann geht’s wieder los", meint mein Fahrer. Sehr witzig – ist er es nicht, der immer sagt, daß ein Auto ein Gebrauchsgegenstand ist und bewegt werden müsse? Ich frag mich wie in dieser engen Garage! Na ja, wenigstens stehe ich trocken. Und am 1. April ist es ihm auch fast egal, was für ein Wetter ist. Dann kann es regnen oder noch kalt sein, nein, dann beginnt ja wieder die Saison, dann muß ich raus. OK, ich freue mich ja auch darauf, dann endlich wieder die Kolben schwingen zu können...!!!
Unter meinen Decken fange ich manchmal an zu philosophieren und stelle mir die Frage, was ich anders machen würde im nächsten Leben. Bislang kann ich mich ja nicht beschweren: als junger Sport-Prinz-Hüpfer ging es gleich über den großen Teich ins sonnige Kalifornien. Mann, das war toll da. Da mußte ich nicht monatelang irgendwo stehen, weil keine Saison war – da gings jeden Tag los. Freie Fahrt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten! An meine Fahrer dort kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Waren es 3 oder 4, ich weiß es wirklich nicht mehr. Und mein heutiger Fahrer hat es auch noch nicht herausbekommen. Vielleicht sind seine Briefe nicht angekommen, oder sein Englisch was not so good. Jedenfalls ging es 1997 wieder zurück in die Heimat. Diesmal ist mir die lange Fahrt mit dem Schiff gar nicht so gut bekommen. Ich hatte ein ganz schön flaues Gefühl in
meinen Leitungen. Und all das Salzwasser um mich herum – mein Gott, man darf gar nicht weiterdenken, was da alles hätte passieren können ...!
Nein, das würde ich bestimmt nicht noch einmal machen.
Und noch etwas würde ich anders machen. Meinen Produktionstag würde
ich in den Sommer hinein legen – sicherlich würden sich Mutter Blechwalze
und Vater Achsschenkelbolzen damit einverstanden erklären: ich hätte
wirklich gern im Sommer einen Anlaß meinen Zusammenbau zu feiern.
Oder findet Ihr es toll, am 21. Januar unter zwei Decken verhüllt
zu stehen und 40 zu werden? Seht Ihr, ich auch nicht. Aber ich sag Euch
was: nur noch 70 Tage, dann fängt der April an – und das ist kein
Aprilscherz !
Bernd Lingsch, Ehrenbergweg 13, 32760 Detmold
Ein Sportprinz im Winterschlaf!